Von der Einladung zum Vortrag bis zur Kultur der zweiten Chance.
Im April 2026 wurde ich vom Bundesverband ESUG & Restrukturierung (BV ESUG) angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, im Rahmen eines Mitgliederstammtischs meine Perspektive auf Krisenfrüherkennung, Verantwortung und die praktische Umsetzung von Veränderungen in Organisationen vorzustellen.
Der Hintergrund der Einladung war dabei weniger eine juristische oder finanzielle Sichtweise auf Unternehmen, sondern vielmehr meine operative und strategische Perspektive auf die Realität von Organisationen und die Frage, warum bekannte Probleme häufig lange sichtbar sind, ohne wirksam bearbeitet zu werden.
Am 11. August 2026 war es schließlich so weit.
Im Zuge der Vorbereitung habe ich mich noch intensiver mit dem Verband und seiner Entstehung beschäftigt. Das Kürzel ESUG steht für das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“, welches 2012 eingeführt wurde und die Sanierung von Unternehmen stärken sowie eine frühzeitigere Auseinandersetzung mit Krisensituationen fördern soll.
Der BV ESUG vereint heute Unternehmer, Restrukturierungs- und Sanierungsexperten, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, Insolvenzverwalter, Bankenvertreter sowie weitere Akteure, die Unternehmen in Veränderungs-, Krisen- und Restrukturierungssituationen begleiten.
Die anschließenden Diskussionen und Rückmeldungen aus diesem Umfeld waren für mich außerordentlich wertvoll. Viele der dort eingebrachten Erfahrungen bestätigten die zentrale These meines Vortrags: Die größten Risiken entstehen selten durch fehlende Informationen, sondern dadurch, dass bekannte Probleme zu spät sichtbar werden oder ihre Bedeutung unterschätzt wird.
Mein Vortrag beim BV ESUG.
Viele der Gedanken aus diesem Vortrag sind aus praktischen Erfahrungen, Gesprächen mit Unternehmern und der Auseinandersetzung mit Krisenfrüherkennung, Führung und Verantwortung entstanden.
Wenn Sie die Inhalte vertiefen oder für eigene Überlegungen nutzen möchten, können Sie die Vortragspräsentation hier herunterladen.

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Der Vortrag war vorbereitet. Die Gespräche danach nicht.
Und genau diese Gespräche haben meine Sicht auf viele Themen noch einmal verändert.
Was mich nach dem Vortrag überrascht hat.
Ehrlich gesagt hat mich nicht der Vortrag überrascht. Überrascht haben mich die Gespräche danach. In den Tagen nach dem BV ESUG Vortrag erhielt ich Rückmeldungen von Unternehmern, Geschäftsführern, Restrukturierungsexperten und Menschen aus dem Finance-Umfeld. Interessanterweise sprach kaum jemand über rechtliche Instrumente oder regulatorische Anforderungen.
Stattdessen drehten sich die Gespräche immer wieder um dieselben Themen. Es ging um Verantwortung. Es ging um Vertrauen. Es ging um Kommunikation. Und vor allem ging es um die Frage, warum Organisationen ihre eigene Realität häufig erst dann erkennen, wenn die Folgen bereits sichtbar geworden sind.
„Organisationen scheitern selten an fehlenden Methoden. Häufiger scheitern sie daran, dass niemand ausspricht, was bereits sichtbar geworden ist.“
Je mehr Gespräche ich geführt habe, desto stärker entstand bei mir der Eindruck, dass viele Menschen dieselben Ursachen wahrnehmen. Sie nutzen lediglich unterschiedliche Worte dafür und nähern sich ihnen aus unterschiedlichen Perspektiven.
Verantwortung beginnt nicht mit einer Stellenbeschreibung.
Ein Gedanke hat mich in den Tagen nach dem Vortrag besonders beschäftigt. In Unternehmen erwarten wir häufig, dass Menschen Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig stellen wir uns viel seltener die Frage, was wir eigentlich konkret dafür getan haben, damit Verantwortung überhaupt entstehen kann.
Je länger ich darüber nachdenke, desto einfacher erscheint mir der Zusammenhang. Verantwortung entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen wollen, Verantwortung übernehmen können und Verantwortung auch übernehmen dürfen. Fehlt eines dieser Elemente, entsteht zwangsläufig Reibung.
„Fehlende Verantwortung ist häufig kein Nicht-Wollen. Sie ist ein Nicht-Können oder Nicht-Dürfen, das wir falsch interpretiert haben.“
Besonders spannend wird es dann, wenn Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben. Denn häufig interpretieren wir das vorschnell als Nicht-Wollen, obwohl wir gar nicht wissen können, ob die eigentliche Ursache vielleicht im Nicht-Können oder Nicht-Dürfen liegt.
Die wichtigste Information ist manchmal die, die fehlt.
Ein weiterer Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch viele Gespräche. Wir beschäftigen uns in Unternehmen oft mit den Informationen, die uns vorliegen. Wir analysieren Kennzahlen, lesen Berichte, betrachten Statusmeldungen und diskutieren über Ergebnisse.
Deutlich seltener stellen wir uns die Frage, welche Information uns eigentlich noch fehlt. Genau dort liegen jedoch häufig die entscheidenden Hinweise. Nicht in dem, was sichtbar geworden ist, sondern in dem, was bisher nicht ausgesprochen, nicht verstanden oder nicht miteinander verbunden wurde.
„Man darf nicht nur darauf schauen, was man sieht. Man muss schauen, was fehlt.
Die wichtigste Information ist häufig die, welche noch niemand ausgesprochen hat oder sich getraut hat diese auszusprechen."
Vielleicht hängt die Qualität unserer Entscheidungen deshalb weniger von der Menge der Informationen ab, die wir erhalten. Vielleicht hängt sie viel stärker davon ab, wie nah diese Informationen tatsächlich noch an der Realität sind.
Der eigentliche Beginn.
Wenn ich die vielen Rückmeldungen und Gespräche der vergangenen Tage betrachte, dann glaube ich heute stärker als zuvor, dass wir Krisen häufig an der falschen Stelle betrachten. Wir sprechen über Symptome, Kennzahlen und Werkzeuge, obwohl die eigentliche Ursache oftmals viel früher entsteht und deutlich näher an den Menschen liegt, die tagtäglich Verantwortung tragen.
„Die Qualität unserer Entscheidungen hängt davon ab, wie nah unsere Informationen noch an der Realität sind.“
Was mich dabei besonders beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass sehr unterschiedliche Menschen unabhängig voneinander auf dieselben Themen reagiert haben. Nicht auf Restrukturierungsinstrumente, nicht auf rechtliche Fragestellungen und auch nicht auf Methoden. Die Gespräche drehten sich fast immer um Verantwortung, Vertrauen, Kommunikation und die Frage, warum Organisationen ihre eigene Realität häufig erst dann erkennen, wenn die Folgen bereits sichtbar geworden sind.
Vielleicht beginnt die Kultur der zweiten Chance genau dort, wo wir uns eingestehen, dass wir etwas noch nicht verstehen.
Dort, wo wir nicht warten, bis die Schmerzen unerträglich werden, sondern frühzeitig den Dialog suchen. Nicht, weil bereits eine Krise sichtbar geworden ist. Sondern weil wir spüren, dass ein wertfreier Blick von außen hilfreich sein könnte.
"Die Kultur der zweiten Chance beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihre Realität wertfrei wahrzunehmen und offen über Ursachen zu sprechen."




